Reaktionsvermögen verbessern: 10 Prozent schneller in nur 20 Minuten

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Ein gutes Reaktionsvermögen ist die Grundvoraussetzung, um im E-Sport erfolgreich zu sein. Reagierst Du schneller, gewinnst Du direkte Duelle häufiger. Dabei entscheiden häufig nur wenige Millisekunden über Sieg oder Niederlage. Einen kaum bekannten Trick, wie Du Dein Reaktionsvermögen verbessern kannst, stelle ich Dir in diesem Artikel vor. 

Keine Zeit, alles zu lesen? Kein Problem. Das Wichtigste in 6 Stichpunkten:

das Reaktionsvermögen entscheidet häufig über Sieg oder Niederlage

die durchschnittliche Reaktionszeit auf einen visuellen Reiz liegt zwischen 240 und 280 ms

zwischen 5 bis 20 Minuten moderater Ausdauersport verbessern Dein Reaktionsvermögen um 10 bis 15 Prozent

Gaming Booster oder Energy Drinks können so leicht ersetzt werden

Warum brauchen E-Sportler ein gutes Reaktionsvermögen?

Stelle Dir vor, Du befindest Dich im LAN-Finale eines renommierten Turniers. Tausende Augenpaare verfolgen das Spiel im Live-Stream. 

Beide Teams spielen auf einem Top-Niveau. 

Während des Spiels bist Du mehrfach auf Dich allein gestellt. Einige dieser Situationen sind: 

  • 1:1-Momente
  • isoliert von Deinen Teammates und daher in Unterzahl-Situation
  • Clutches, in denen Du Dich gegen mehrere Gegner behaupten musst

Da Du an Deinem Reaktionsvermögen gearbeitet hast, bist Du circa 10 Prozent schneller als Deine Gegner. Die Mehrzahl der direkten Duelle gewinnst Du daher für Dein Team. 

In der letzten, entscheidenden Runde, kommt es zu einer 1:1-Situation. Dein Gegner und Du sind beide „one shot“. 

Das bedeutet, das bessere Reaktionsvermögen entscheidet. 

Die Zuschauer im Stream und Deine Teammates zählen auf Dich. In den letzten 10 Sekunden des Spiels kommt es zum Gunfight.

Du peakst, schießt nach 160 ms und gehst zurück. Dein Gegner, der eine Reaktionszeit von 200 ms hat, kann nicht mehr reagieren und verliert das Duell. 

Nur 40 ms Differenz haben am Ende den Unterschied gemacht.

Turniere gewinnen mit Reaktionsvermögen.

Glückwunsch! In diesem Beispiel hast Du Deinem Team zum Turniersieg verholfen. Doch wie sieht die Realität aus? 

Was ist Reaktionsvermögen?

Das Beispiel verdeutlicht: Wer schneller reagiert, gewinnt direkte Duelle häufiger. Eine gewichtige Frage ist daher, wie Du Dein Reaktionsvermögen verbessern kannst.

Damit diese Frage richtig beantwortet werden kann, müssen wir von derselben Reaktionszeit sprechen. In diesem Fall meine ich die „simple reaction time“. 

Die „simple reaction time“ ist eigentlich ein Testinstrument, das von Psychologen verwendet wird. Es geht darum, auf einen Reiz so schnell wie möglich zu reagieren. Beispiele für visuelle Reize sind:

  • Farbwechsel von Rot zu Grün 
  • Auftauchen eines Objektes (Ball, Zielscheibe, etc.)
  • Gegner läuft in das Crosshair

Wie schnell reagieren Menschen durchschnittlich?

Damit Du Deine Fähigkeiten besser einschätzen kannst, ist ein Blick auf die durchschnittliche Reaktionszeit sinnvoll.

Glücklicherweise ist die Datenlage hervorragend, da das Reaktionsvermögen ein beliebter Forschungsgegenstand ist. Ein kurzer Blick in die Studienlage verrät:

Menschen reagieren durchschnittlich innerhalb von 240 bis 280 ms auf einen visuellen Reiz.(1)(2) Auf Geräusche (auditive Reize) reagieren Menschen innerhalb von 170 ms.

Da Sportler, E-Sportler und Gamer ihr Reaktionsvermögen ständig trainieren, reagieren sie etwas schneller als der Durchschnitt.(3)(4) Insbesondere der Punkt, dass Sportler schneller als Nicht-Sportler reagieren, wird noch interessant werden.

Hier die Ergebnisse zweier Studien, die den Einfluss von Sport sowie Gaming auf das Reaktionsvermögen verdeutlichen:(3)(4)

Reaktionsvermögen von Sportlern und Nicht-Sportlern im Vergleich
Reaktionsvermögen von Gamern und Nicht-Gamern im Vergleich

In den beiden Experimenten wurden zwar unterschiedliche Reaktionsformen gemessen, doch die Kernaussage bleibt dieselbe. 

Sportler reagieren schneller als Nicht-Sportler und Gamer reagieren schneller als Nicht-Gamer. 

Was bedeuten diese Daten für Dich? Sie beantworten vor allem die Frage, welche Gruppe das schnellste Reaktionsvermögen hat. Menschen, die Gaming und Sport kombinieren, haben das schnellste Reaktionsvermögen.

Da sich E-Sport und Sport perfekt ergänzen, investieren viele professionellen E-Sport-Organisationen inzwischen in Trainingsräume und Personal Trainer. Renommierte Beispiele dafür sind SK Gaming, 100 Thieves und Complexity. 

Das Klischee vom Gamer, der sich kaum bewegt und nur Fast Food in sich hineinstopft, ist veraltet. Professionelle E-Sportler legen heute großen Wert auf ihre Gesundheit. 

Reaktionsvermögen sofort um 10 Prozent verbessern

Die These, dass sich Sport und Gaming ergänzen, wollte ich selbst überprüfen. Ein Selbstversuch sollte mir erste Erkenntnisse liefern. 

Dabei habe ich mir vor allem eine Frage gestellt: Wie lange dauert es, bis ich durch Sport mein Reaktionsvermögen verbessern kann. Obwohl ich einige Studien zu dem Thema gelesen habe, hat mich das Ergebnis ziemlich überrascht. 

Zuerst benötigte ich einen Vergleichswert. Da ich bereits als semi-professioneller R6S-Spieler aktiv war, liegt meine durchschnittliche „simple reaction time“ unter dem Durchschnitt. 

Auf „Humanbenchmark“ kannst Du Dein Reaktionsvermögen testen. Ich absolvierte einen Durchlauf mit fünf Wiederholungen. Durchschnittlich reagierte ich innerhalb von 180 ms auf einen visuellen Reiz.

Kommentatoren würden bei so einem Reaktionsvermögen zwar nicht „inhuman reactions“ in das Mikrofon brüllen, aber ich könnte mit den meisten Gamern locker mithalten. 

Noch am selben Tag absolvierte ich eine kurze Laufeinheit (circa 20 Minuten). Eine moderate Sporteinheit hilft, den Kopf freizubekommen, Stress abzubauen und das Energielevel anzuheben.

Sport verbessert das Reaktionsvermögen

Nach dem Duschen ging ich sofort an den Computer, um mein Reaktionsvermögen erneut zu testen. 

Zu meiner eigenen Überraschung erreichte ich dieses Mal mühelos 160 ms als durchschnittliche Reaktionszeit bei „Humanbenchmark“. Ich war verblüfft, da eine Differenz von 20 ms gigantisch als Differenz innerhalb eines Tages ist. War das nur ein Ausreißer? An den darauffolgenden Tagen wiederholte ich den Selbstversuch. Die Ergebnisse blieben zwar nicht exakt dieselbe, aber eine Tendenz war deutlich zu erkennen. Moderater Ausdauersport verbesserte meine Reaktionszeit um durchschnittlich 10 Prozent.

Effekt von Sport auf die Reaktionszeit

Es handelt sich bei dem geschilderten Selbstversuch um meine eigenen Erfahrungen. Dennoch behaupte ich, dass sie sich verallgemeinern lassen und dass auch Du davon profitieren kannst. 

Mir war zwar bewusst, dass sich der Körper durch Sport verändert und dadurch leistungsfähiger wird. Der sofortige Effekt von Sport auf die Neurochemie war mir vorher aber nicht bewusst.

Ein kurzer Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigt, dass sich schon einige Wissenschaftler mit dem Thema beschäftigten. Dabei konnte immer wieder die sofortige Wirkung von Sport auf das Reaktionsvermögen nachgewiesen werden. 

Doch nicht jeder Sport verbessert Dein Reaktionsvermögen. Falscher Sport kann sogar zu einer Verschlechterung führen. 

Doch bevor wir uns der Frage nähern, welcher Sport gut ist und welcher nicht, möchte ich eine interessante Studie vorstellen. Im August 2018 veröffentlichten indische Wissenschaftler eine Studie, in der die Wirkung von Sport auf das Reaktionsvermögen untersucht wurde.(5)

Hierzu rekrutierten die Wissenschaftler 40 Teilnehmer, die zwischen 18 und 22 Jahre alt waren. Sie ermittelten den Blutdruck, den Ruhepuls und das Reaktionsvermögen des Teilnehmers.

Anschließend absolvierten diese auf einem Heimtrainer eine kurze Trainingseinheit. Sie verdoppelten ihren Puls und hielten diesen Zustand für 5 Minuten. Anschließend wurde Blutdruck, Plus und Reaktionsvermögen erneut gemessen. 

Eine Grafik verdeutlicht die Ergebnisse auf das Reaktionsvermögen: 

Sowohl das visuelle als auch das auditive Reaktionsvermögen wird durch Sport verbessert. E-Sportler könnten davon profitieren.

Die Grafik zeigt die Wirkung von lediglich 5 Minuten Sport auf das visuelle und die auditive Reaktionsvermögen. Der linke Balken zeigt die Daten der Teilnehmer vor und der rechte Balken nach der Sporteinheit.

Die visuelle Reaktionszeit der Teilnehmer sank um 15 Prozent. Die auditive Reaktionszeit sank um 17 Prozent. 

Work hard, train hard, play hard?

Für alle, für die Sport eine Qual ist, habe ich eine gute Nachricht: Es sind keine langen Sporteinheiten nötig, um von den kurzfristigen positiven Effekten auf Dein Game zu profitieren. 

In der oben vorgestellten Studie verbesserten die Teilnehmer ihr Reaktionsvermögen innerhalb von nur 5 Minuten Ausdauersport. Ich persönlich fand 20 Minuten Joggen perfekt, um mein Energielevel zu erhöhen. 

5 bis 20 Minuten moderater Ausdauersport sind absolut ausreichend, um Dein Reaktionsvermögen kurzfristig zu verbessern. 

Längere oder intensivere Sporteinheiten sind sogar kontraproduktiv. Dein Körper schüttet dann Stresshormone wie Cortisol aus, die Dein Reaktionsvermögen wieder einschränken.(6) Daneben gibt es Studien, die zeigen, dass intensivere Sporteinheiten einen negativen Effekt auf das Reaktionsvermögen haben.(7) 

Moderater Ausdauersport hat dagegen positive, kurzfristige Effekte: 

  • Erweiterung der Blutgefäße (Vasodilatation)  
  • besser Durchblutung und somit Versorgung von Gehirn und Muskeln
  • Ausgleich des biochemischen Cocktails (Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Adrenalin)

Fazit

Mit nur einer kurzen Sporteinheit kannst Du Dein Game temporär auf das nächste Level bringen. Das ist insbesondere dann relevant, wenn ein wichtiges Spiel oder Turnier bevorsteht. 

Du kannst Dir somit das Geld für einen Gaming Booster sparen und Deine Gesundheit schonen. 

Dabei gibt es für E-Sportler nicht nur kurzfristige Gründe, mehr Sport zu treiben. Sport lohnt sich vor allem langfristig. Große E-Sport-Organisationen haben das auch erkannt und investieren vermehrt in die Fitness ihrer Athleten. Mehr darüber erfährst Du in einem folgenden Beitrag. 

Quellenverzeichnis:

(1) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4374455/
(2) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1707645
(3) https://core.ac.uk/download/pdf/82517202.pdf
(4) https://digitalcommons.cwu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1689&context=source
(5) http://oaji.net/articles/2019/1496-1566038118.pdf
(6) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21944954
(7)  https://psycnet.apa.org/record/2000-08537-004